Wenn wir über Barrierefreiheit in mobilen Anwendungen sprechen, denkt man häufig an völlig blinde Menschen, die Bildschirmlesegeräte verwenden. Obwohl dies ein kritischer Anwendungsfall ist, geht die alltägliche Zugänglichkeit noch viel weiter.
Bei der Barrierefreiheit geht es um den Nutzungskontext. Es geht darum sicherzustellen, dass Ihre App im realen, chaotischen und unvorhersehbaren Leben der Menschen funktioniert.
In diesem Artikel untersuchen wir, wie sich Barrierefreiheit auf die alltägliche App-Nutzung für alle Benutzerprofile, einschließlich Ihnen, auswirkt und wie Sie für diese Szenarien entwerfen können.
Situative und vorübergehende Behinderungen
Microsoft Design hat das Konzept des „Persona Spectrum“ populär gemacht. Behinderung ist nicht nur ein dauerhafter Gesundheitszustand; Es handelt sich um eine Unverträglichkeit zwischen Mensch und Umwelt.
- Dauerhafte Behinderung: Eine Person mit nur einem Arm.
- Vorübergehende Behinderung: Eine Person mit einem gebrochenen Arm (Gips).
- Situative Behinderung: Eine Person, die ein Baby auf dem Schoß hält oder in einem überfüllten Bus die Bar hält.
In allen drei Fällen muss die Person das Mobiltelefon mit nur einer Hand bedienen. Wenn Ihre App die „Pinch“-Geste (Zoom mit zwei Fingern) erfordert oder wichtige Schaltflächen oben links auf dem Bildschirm hat (mit dem rechten Daumen schwer zu erreichen), haben Sie alle drei Benutzer ausgeschlossen.
Die Gestaltung für Personen mit nur einem Arm (Zugänglichkeit) verbessert das Leben der Mutter mit dem Baby auf dem Schoß (Benutzerfreundlichkeit).
Alltagsszenarien, die Barrierefreiheit erfordern
1. Der „Mittagssonnenmodus“ (Kontrast)
Du stehst auf der Straße und wartest auf dein Uber und die Sonne scheint direkt auf den Bildschirm deines Handys. Wenn die Anwendung hellgraue Schriftarten auf weißem Hintergrund verwendet („sauberes“ Design), sehen Sie nichts. Sie müssen Ihre Hand beschatten, um zu versuchen, das Nummernschild zu lesen.
- Erschwingliche Lösung: Hoher Kontrast. Schwarzer auf weißem Text oder Komponenten mit definierten Rändern ersparen dem Benutzer in diesem Moment.
2. Der „Stille Besprechungsmodus“ (Untertitel)
Sie befinden sich in einem Wartezimmer oder Büro und möchten ein Video in Ihrem Feed ansehen, haben aber Ihre Kopfhörer vergessen. Wenn das Video keine Untertitel (Closed Captions) hat, springen Sie direkt weiter.
- Kostengünstige Lösung: Automatische oder manuelle Untertitel. Unverzichtbar für gehörlose Menschen, aber beliebt bei denen, die Videos stumm ansehen (85 % der Videos auf Facebook werden ohne Ton angesehen).
3. Der „Bus Shake Mode“ (Touch-Bereich)
Sie sitzen in einem rockigen Bus oder einer U-Bahn. Der Versuch, einen kleinen „x“-Knopf zu drücken, um ein Modal zu schließen, ist eine Tortur. Sie machen Fehler, klicken auf den falschen Inhalt und sind frustriert.
- Erschwingliche Lösung: Große Schaltflächen (mindestens 44px/48dp). Es erleichtert Menschen mit Parkinson und den öffentlichen Verkehrsmitteln die Fahrt.
4. Der „Modus bei schwacher Batterie/begrenzter Datenmenge“ (Leistung)
Auch die Erreichbarkeit ist wirtschaftlich. Umfangreiche Websites und Apps voller unnötiger Animationen und 4K-Autoplay-Videos verbrauchen den Datentarif und den Akku des Benutzers. In Schwellenländern wie Brasilien, wo viele alte Mobiltelefone und Prepaid-4G nutzen, beträgt die Leistung Erreichbarkeit. Wenn die App nicht geladen wird, ist sie nicht zugänglich.
So integrieren Sie Barrierefreiheit in die Entwicklungsroutine
Damit Barrierefreiheit Teil des täglichen Lebens des Produktteams wird:
1. Anmerkungen im Design
Der Designer muss den Bildschirm mit Barrierefreiheit-Anmerkungen versehen sowie Farb- und Schriftartspezifikationen liefern.
- „Dieses Symbol sollte ‚Zurück‘ lauten.“
- „Die Tab-Reihenfolge dieses Formulars ist: Name -> E-Mail -> Passwort“.
2. Korridortests (Guerilla-Tests)
Sie brauchen kein Labor. Nehmen Sie Ihre App mit, gehen Sie nach draußen (in echtes Sonnenlicht), versuchen Sie, sie beim Gehen zu verwenden, versuchen Sie, sie mit nur einer Hand zu verwenden. Situationsbedingte Barrierefreiheit-Probleme treten sofort auf.
3. Verwenden Sie Ihre Telefoneinstellungen
Gehen Sie auf Ihrem eigenen Telefon zu Einstellungen > Barrierefreiheit.
- Aktivieren Sie „Textgröße erhöhen“. Öffnen Sie Ihre App. Es ist kaputt gegangen?
- Aktivieren Sie „Farben umkehren“ oder „Farbfilter“. Ist Ihr rotes und grünes Diagramm noch sinnvoll?
Fazit
Zugänglichkeit im Alltag ist praktische Empathie. Es versteht sich, dass der Nutzer nicht an einem Bürotisch mit perfekter Beleuchtung und einem hochmodernen iPhone sitzt.
Der Benutzer läuft mit seinem Mobiltelefon in der Hand in der Sonne, mit schwachem Akku, möglicherweise gestresst. Wenn Ihre App so konzipiert ist, dass sie unter diesen extremen Bedingungen (die für Menschen mit Behinderungen gelten) gut funktioniert, wird sie jederzeit und für alle wunderbar funktionieren.
Schließlich ist Barrierefreiheit ein Synonym für ein belastbares und menschliches Produkt.
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